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Auf den Spuren Draculas und Klingsors Eine zweitägige Fahrt führte uns an jene Orte in Siebenbürgen, wo der historische Graf Dracula sein pfählendes Unwesen getrieben haben soll sich aber auch als Kämpfer gegen die vordringenden Osmanen militärisch hervortat. Dort in Transsilvanien, jenem "wilden Herzen Europas" schon seit dem Mittelalter, begegnete uns jedoch noch eine zweite mythische Gestalt, die viel mit deutscher Geschichte und Sagenwelt zu tun hat: der Zauberer und Dichter Klingsor. Beide können als Repräsentanten zweier grundverschiedener Pardigmen interkultureller Wahrnehmung aufgefaßt werden. Als Koordinator eines Projekts, das sich die Auseinandersetzung mit interkultureller Wahrnehmung zum Ziel gesetzt hat, möchte ich mich der Tiefenstruktur dieser Paradigmen etwas genauer zuwenden. 1. Dracula - ein Paradigma abspaltender Wahrnehmung Ich vertrete folgende These: Soll interkulturelle Wahrnehmung im Sinne einer Begegnung der Kulturen gelingen, bedarf es eines hohen Maßes der Selbstwahrnehmung. Alle Beteiligten sollten sich bewußt werden, das ein großer Teil von dem, was sie im Fremden wahrnehmen, ein unbewußt abgespaltener, projizierter Teil von ihnen selbst ist. Mir ist die Erkenntnis ein zentrales Ziel interkultureller Pädagogik: Im anderen, dem Fremden, wird das wahrgenommen, was als "das Andere" hinter der Gardine des eigenen Bewußtseins im Unbewußten herumgeistert - der ungeliebte Schattenbruder. Was individuell gilt, trifft auch für die kollektive Ebene zu. Der Dracula-Mythos ist mir für eine solche kollektiv abspaltende Projektion des ungeliebt Eigenen auf etwas als fremd Empfundenes ein vorzügliches Lehrbeispiel (Paradigma). Aus ihm läßt sich sehr viel auch über das individuelle Projektionsverhalten lernen, vor allem dessen Inhalte. Hier läßt sich studieren, wie das, was in die kollektive Mentalität Westeuropas bewußt nicht integrierbar erscheint, "das Andere" in Form von Liebe, Tod und Teufel, wie durch ein Dia auf einen mythischen Raum, genannt "Transsilvanien", geworfen und im Spiegel dieses dubiosen Landes "jenseits des Waldes" mit Schaudern wohligen Gruseln wahrgenommen wird. So ist Dracula nicht etwa das Schreckgesicht Rumäniens, sondern ein Spiegelbild, in dem Westeuropa seiner eigenen Teufelsfratze begegnet. Der siebenbürgische Dichter Dieter Schlesak hat in einer Arbeit über die Dracula - Legende diese Zusammenhänge informativ dargestellt. Auch der Beitrag Britta Boltes ist dieser Thematik in aufschlußreicher Weise nachgegangen. Entsprechende Links dazu sind zu finden im Pressebericht Petra Thiemanns, wie Britta Bolte eine unserer Schülerinnen: "Graf Dracula und die eisige Welt der Karpaten" 2. Paradigmenwechsel - Rücknahme der Dracula-Projektion Neben einer bewußten Auseinandersetzung mit der Schatten-Projektion im interkulturellen Wahrnehmungsprozeß, wie sie das Dracula-Paradigma möglich macht, plädiere ich für eine tiefenpsychologisch begründete Ergänzung dieses Paradigmas und in diesem ergänzenden Sinn für einen Paradigmenwechsel. Das Dracula-Paradigma kann nämlich dem wahrnehmenden Subjekt keine Grundlage geben, die ihm helfen könnte, seine fatale Neigung zu projizierenden Abspaltungen "des Anderen" korrigierend zurückzunehmen. Gelänge es, dieses "Andere" - das "Böse", mythisch gesprochen, den "Teufel" (eben "Dracula") - als Teil des eigenen Selbst zu akzeptieren, müßte es nicht länger verteufelnd im anderen gesucht und gefunden werden. Wir nähern uns mit einer solchen Überlegung einem tiefenpsychologischen, letztlich religiösen Grundproblem des christlichen Kulturkreises. Dessen unzureichende Lösung gerade im Bereich der Wahrnehmung des Fremden hatte schlimme politische und soziale Folgen: In Juden, Hexen, "Abweichlern" jedweder Art fand man den Teufel wieder, der aus dem eigenen Selbst verbannt worden war. Ich verweise hier auf meinen Beitrag zur Ahlener "Woche der Brüderlichkeit" 1999:
Auch die Projektion der Dracula-Gestalt entspringt nicht zuletzt diesem Problem, kann sie doch als "christlicher Teufel im transsilvanischen Exil" aufgefaßt werden, aus dem er - Rache des verbannten Schattenbruders - ins lichte Westeuropa zerstörerisch heimkehrt. Ein Paradigma, das ich das "Klingsor-Paradigma" nennen möchte, könnte dem abhelfen. 3. Klingsor - Paradigma integrierender Wahrnehmung Auch die Klingsor-Gestalt ist eine transsilvanische Projektion Westeuropas, die aber im Unterschied zur Dracula-Gestalt des späten 19. Jahrhunderts weit ins Mittelalter zurückführt. Auch Klingsor steht für etwas Dunkles, Zwielichtiges, dem Bösen Nahes. Das wird aber in diesem Magier aus Siebenbürgen nicht als destruktiv, sondern als heilend wahrgenommen. "Das Andere" erscheint nicht abgespalten, sondern integriert. Dieser ganz andere Umgang mit dem Bösen wird in den Gralslegenden des 12. Jahrhunderts entwickelt, in deren deutscher Version Klingsor erstmals auftaucht: in Wolfram von Eschenbachs Bei Wolfram verschmolzen Aspekte der keltischen Merlin-Gestalt der älteren Gralslegenden mit der Gestalt eines Zauberers, der im "Parzival" Clinschor heißt und noch in der halborientalischen Märchenwelt des staufischen Sizilien angesiedelt ist. Nach der Ehe des thüringischen Landgrafen mit der ungarischen Königstochter Elisabeth und der nicht zufällig nahezu gleichzeitigen Landnahme des siebenbürgischen Burzenlandes durch den Deutschen Ritterorden unter seinem thüringischen Hochmeister Hermann von Salza rückte Siebenbürgen in den Wahrnehmungshorizont dieser aristokratischen Kreise zwischen Eisenach und Marburg. Zwar währte die Herrschaft des Ritterordens im Burzenland nur kurze Zeit. Aber sie hinterließ Spuren. Die Ritter bauten dort an der strategisch gefährdeten Südostspitze des Karpatenbogens ihre erste Marienburg, den Vorgängerbau der späteren gleichnamigen Ordenzentrale in Ostpreußen und gründeten Kronstadt. Die Ordenskirche von Tartlau soll beim Bau der Marburger Elisabethkirche, der ersten rein gotisch konzipierten Kirche Deutschlands, Pate gestanden haben. Nach Marburg hatte sich nämlich der Ritterorden zurückgezogen, nachdem es mit dem ungarischen König zu einem Zerwürfnis gekommen war. Vor seiner Übersiedlung nach Ostpreußen fand er dort zunächst Zuflucht. Er förderte nach Kräften den Kult, der sich nach dem Tod und der Heiligsprechung der Landgräfin Elisabeth zu entwickeln begann, lag doch die Ordenskomturei auf dem Gelände, wo die Heilige ihre letzten Lebensjahre in franziskanischer Armut verbracht hatte. In der Elisabeth-Vita des Dietrich von Apolda erscheint Klingsor als astrologisch versierter Magier, der die Geburt der Elisabeth in den Sternen liest: "Video stellam lucentem supra Hungariam!" 4. Transsilvanischer Merlin - eine integrierte Einheit der Gegensätze Der Blick auf diese historischen Zusammenhänge, denen wir auf unsere "Dracula-Fahrt" nachspürten, war notwendig, um zu verstehen, wie Klingsor, diese ursprüngliche Merlin-Gestalt der Gralslegenden, nach Siebenbürgen gelangte, genauer gesagt, wie es möglich war, daß diese ursprünglich im keltischen Raum Britanniens, von Wolfram dann im staufischen Sizilien angesiedelte Gestalt nun plötzlich in Siebenbürgen wahrgenommen wird. Offenbar hatten die ritterlichen Kreise Thüringens inzwischen viel von dem weit entfernten Land "jenseits des Waldes" gehört. Dort in einer mythischen Ferne nahmen sie in Gestalt des Wolframschen Clinschor alles das war, was die kollektive Mentalität Westeuropas bereits in die Merlin-Gestalt projiziert hatte: eine das allzu lichte christliche Gottesbild kompensierende Mischung aus Licht und Finsternis, Heiligem und Teuflischem, Christus und Antichrist, verschmolzen zu einer Einheit der Gegensätze in einem transsilvanischen Merlin. Meine eingangs aufgestellte These möchte ich jetzt dahingehend ergänzen: Was im Horizont des Dracula-Paradigmas nur als ein Abgespaltenes wahrgenommen werden kann, das Dunkle, Böse, kurz: der Schattenbruder, kann im Horizont des Klingsor-Paradigmas mit dem Lichten und Hellen vereint wahrgenommen werden. In tiefenpsychologischen Kategorien ausgedrückt: Das Dracula-Paradigma läßt uns den Schatten abgespalten und auf den anderen projiziert wahrnehmen, das Klingsor-Paradigma integriert und als Teil des eigenen Selbst. Damit verweist das Paradigma des transsilvanischen Merlin auf jenes bewußtseinstranszendente Zentrum, das C.G. Jung unser "Selbst" nennt und in vielen seiner Werke als "complexio oppositorum", als "Einheit der Gegensätze" beschrieben hat. Im Dracula-Paradigma wird das Selbst gewissermaßen halbiert wahrgenommen, gespalten in den Teil, mit dem wir und das kollektive Bewußtsein uns identifizieren, Gott und das Licht, und den Teil, mit dem wir nichts zu tun haben wollen, die Finsternis und ihre Teufel. Das Klingsor-Paradigma ermöglicht eine heilende Wahrnehmung dieser Spaltung, indem es das Zerrissene, Gott und Teufel, Christus und Satanael - die hell-dunklen Brüder des judenchristlichen Mythos der Ebioniten -, im Menschen wieder zusammenfügt. Ich möchte an dieser Stelle auf das Kapitel meines Beitrags zur Ahlener "Woche der Brüderlichkeit" 1999 hinweisen:
Dietmar Hecht |