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Ein Philosophielehrer erzählt

Gelbe Linie

Am letzten Samstag stieß ich in Münster auf Werke des rumänischen Philosophen Cioran und begann darin zu blättern. "Ich vermisse das Fach Philosophie" hatte mir Silviu erst kürzlich auf der abendlichen Fahrt von Tartlau nach Kronstadt gesagt. Wir waren dabei ein wenig auf Cioran und dessen Freund Eliade zu sprechen gekommen. Ich muß mich daran vielleicht unbewußt erinnert haben, als ich zielstrebig nach dem Buch des Kronstädters Richard Reschika griff "E.M.Cioran zur Einführung". Letzterer war 1936/37 in Kronstadt Fachkollege von mir gewesen, Philosophielehrer am Lyzeum "Andrei Saguna". Dann hatte er genug von Schule.

Ich begann also ziellos zu blättern und stoppte schließlich bei einer Bemerkung Ciorans zu Hermannstadt:

Gebäudeansicht Hermannstadt



"Ich wohnte in einer Stadt, die sehr schön ist, sie ist fast so schön wie Tübingen: Externer Link... Hermannstadt in Siebenbürgen. Ich ging bei Nacht spazieren, ich wurde zu einem Gespenst, so daß die Leute in dieser Kleinstadt glaubten, ich sei geistesgestört."





Die enge Kleinstadtwelt Hermannstadts. Als Internatsschüler am Lyzeum Gheorghe Lazar lebte Cioran dort seit seinem 10. Lebensjahr. Geboren wurde er 1911 in dem Gebirgsdorf Rasinari südlich der Stadt. Nach dem Willen seiner Eltern sollte er unbedingt Deutsch lernen. Heute wäre er deshalb vielleicht ein Brukenthaler geworden.

"Und dann habe ich mir gesagt: Du mußt ein Buch schreiben. Der Titel ist pompös und zugleich banal: `Auf den Gipfeln der Verzweiflung´. Das war damals eine übliche journalistische Redewendung in der Rubrik `Verschiedenes´. Wenn jemand Selbstmord beging, hieß es, er habe es `auf der Höhe der Verzweiflung´ getan."

Blick auf Hermannstadt"Pe culmile disperarii" erschien 1934 in Bukarest, Ciorans philosophischstes Buch, wie er selbst meint. Es muß eine Zeit die Bürger schreckender "junger Wilder" in Rumänien gewesen sein. Dazu gleich mehr. Doch schon jetzt möchte ich mit meiner zentralen Frage nicht länger hinter dem Berg halten. Sie stellte sich mir, als ich die vergangenen zwei Wochen mit Euch Brukenthalern während meiner Cioran-Lektüre noch einmal Revue passieren ließ: Gibt es ein Häuflein solcher "junger Wilder" neben dem Haufen der artig Gezähmten auch im Hermannstadt von heute? Manches spricht mir dafür. Von der flippigen und manchmal exzessiv rauschhaften, dionysischen Oberfläche möchte ich mich über Qualitäten verborgenen Fragens und Suchens nicht täuschen lassen.

Hören wir aber Cioran selbst, was er über jene "junge Generation" zu berichten weiß, besonders über die Rolle Externer Link... Mircea Eliades:

"Ungefähr 1932 bin ich Eliade zum erstenmal in Bukarest begegnet, wo ich gerade etwas vage Philosophiestudien absolviert hatte. In jener Zeit war er das Idol der `jungen Generation´ - eine magische Formel, die wir stolz in Anspruch nahmen. Wir verachteten die `Alten´, die `Tattergreise´, das heißt alle, die über dreißig waren. Gegen sie zog unser Meisterdenker zu Feld und vernichtete einen nach dem anderen. Der Kampf zwischen den Generationen schien uns der Schlüssel zu allen Konflikten zu sein, das Erklärungsmuster aller Ereignisse. Für uns hieß jung sein automatisch genial sein."

Als Cioran 1933 ein Stipendium der Humboldt-Stiftung für Berlin erhielt, gründete er dort folgerichtig einen "Genialisten-Club" der jungen rumänischen Exil-Philosophen. Die dunkle Schattenseite solcher Attitüden ist ihm freilich, kritisch wie er war, nicht verborgen geblieben. Cioran zur "großen rumänischen Langeweile":

"Der Staat wollte schnell eine Intellektuellenschicht schaffen, so gab es 50000 Studenten in Bukarest. Die kamen mit ihren Diplomen in die Dörfer zurück, waren nicht mehr bereit Hand anzulegen, langweilten sich, verzweifelten. Die große rumänische Langeweile - es war wie ein Tschechow, aber ein sehr schlechter."

Oder um es mit Eliades "Erinnerungen" zu sagen:

"Sie lebten ein hybrides, chaotisches, zumeist unnormales Leben, wobei jeder nach Kräften versuchte, sich gegen die drohende Verzweiflung zu wehren, sich zu `retten´, das heißt in erster Linie, sein Leben vor dem Scheitern zu retten, ein `echtes´ Leben zu leben."

Cioran erklärt das so:

"Wir alle sind, Eliade an der Spitze, ehemalige Gläubige, wir sind alle religiöse Geister ohne Religion."

SimbataSpacer...Simbata
Himmel und Hölle im Kloster Simbata

Die "jungen Wilden": "Religiöse Geister ohne Religion"

In seinem Roman "Die Hooligans" (1935) hat Eliade dieses Lebensgefühl so auf den Punkt gebracht: "krasse Amoralität" (Erinnerungen, 397). Was er damit meint, illustriert recht plastisch eine Episode seines "Indischen Tagebuchs". 1928 - Eliade war gerade 21 jahre alt - besuchte er das Theosphische Zentrum bei Madras. Eliade resümmiert:

"Nur artige Gedanken und hübsche Ideen. Aber Religion ist etwas anderes, ist etwas Bösartiges, Amorphes, Stupides, Absurdes, Groteskes, Barbarisches, Unerträgliches, Erniedrigendes. Das ist Religion. Ich bete nicht zu meinem Gott - denn es gibt auch Gläubige, die nicht beten. Mein Gott tröstet nicht. Er ist frei - wie auch ich frei bin. Ich erlaube mir alles, er erlaubt alles. Versöhnung gibt es für zwei freie Wesen nur in der Liebe. Ich kann Gott nicht lieben.

In meinen luzidesten Momenten akzeptiere ich Religion nur in ihrer mönchischen Version. Entweder ein Abenteurer oder ein Mönch zu sein. Beides erfordert Mut; und den wahrscheinlich in jeweils gleichen Maßen.

`Oh! Oh! Oh!´, war da die Antwort meiner Begleiter. Ich mußte mir wieder die üblichen Argumente zugunsten des Fleisches anhören: daß wir uns vermehren, ein Heim errichten müßten, Kinder zeugen sollten. Gott zu dienen hätten usw. `Das mag Ethik sein, aber keine Religion. Was mich angeht, so sehe ich nicht, was einen Mann daran hindern sollte, mit hundert Frauen zu schlafen - vorausgesetzt natürlich, er hat die Gelegenheit...´

`Oh! Oh! Oh!´, riefen sie wieder aus. Der Pastor machte mir ein Zeichen, die Diskussion zu beenden." (Indisches Tagebuch, 95-97)

Jetzt möchte ich auch erst einmal enden, unsere Diskussion sollte das nicht.

Dietmar Hecht

Gelbe Linie
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