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eMail vom 18. Juni 1999
Impressionen eines Lehrers

Gelbe Linie

Dietmar HechtSpacer...Es ist schon schlimm. Da hocke ich jetzt einsam in der Schule vor dem Computer und schicke eine E-mail aus Ahlen nach Hermannstadt. Und das, obwohl Ferien sind, "Große Ferien". Alle sind weg, ganz Ahlen ist ausgeflogen, nur... Aber ich will nicht jammern. Die Sache hat auch ihr Gutes. Als Lehrer in einer leeren Ferienschule wird man nicht von nervigen Schülern belästigt und hat ausnahmsweise seine Ruhe, kann sich endlich einmal konzentrieren auf das, was wirklich wichtig ist, das "Eigentliche" sozusagen, in diesem Fall die erwähnte E-mail nach Hermannstadt.

Ich habe gerade Silvius Mail von gestern gelesen und freue mich, daß die Aktion weitergeht. Irgendwie war das schon toll mit dem Laptop und der digitalen Kamera, vor allem für jemanden wie mich, Nachkriegsgeneration, erste Box mit vierzehn Jahren, so eine Art camera obscura mit einem verglasten Loch vorne, und wenn man Glück hatte, war irgendwas auf dem Film. Da hat das technische Zeug von heutzutage doch schon ein ganz anderes Kaliber, wenn ich es auch überhaupt nicht begreife.

Das gilt besonders für das Ding, vor dem ich gerade sitze und tippe. Hut, den ich nie trage, ab vor den Schülern! Ich konnte nie so schnell gucken, wie die mit ihren Fingern über die Tasten flitzten, dort was anklickten, und da was von irgendwohin in ein anderes Nichts verschoben, bis dann - unfaßbar - tatsächlich ein Photo auf dem Bildschirm erschien, richtig bunt und lebensnah. Immerhin habe ich gelernt, was "zippen" bedeutet, und daß man, wenn man ein solches Photo per E-mail verschickt, es tunlichst vorher zippen" sollte, sonst gibt es Ärger mit dem Empfänger, weil sich die Telecom nämlich riesig über die langen Ladezeiten freut.

SilviuJetzt habe ich aber genug dahergeblubbert. Zu meiner Ehre sei es gesagt: Ich hatte es nicht vorgehabt. "Impressionen eines Lehrers" habe ich erst viel später nachträglich oben drüber geschrieben - auch eine Errungenschaft der Technik. Mit meiner Uralt-Schreibmaschine Marke DDR-Billigbau wäre das so nicht gegangen. Ich wollte mich eigentlich mit Silviu darüber unterhalten, wie wir in unsere E-mail-Korrespondenz Inhalt hineinbekommen. Worüber wollen wir uns überhaupt unterhalten? Was wollen wir uns gegenseitig mitteilen? Das schwebte mir so als Fragen vor.

Damit der Inhalt aber nach dieser inhaltsleeren Vorrede nicht ganz unter den Tisch fällt, krame ich etwas aus dem Archiv hervor. Es stand am Tag unserer Abreise nach Hermannstadt inhaltsschwer in der lokalen Presse, so eine Art Ausblick. Jetzt, "nach Tisch" sozusagen, ein Ausblick im Rückblick.

Exkursionen in die Karpaten - per Internet in die Heimat
St.Michael-Gymnasiasten übertragen Hermannstadtbesuch live

Bericht der "Ahlener Zeitung" vom 31. 5. 1999

"Es ist wieder soweit: Vom 31. Mai bis zum 13.Juni fahren 25 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums St. Michael mit Ihren Lehrern Dietmar Hecht und Rolf Krebs nach Rumänien ins siebenbürgische Externer Link... Hermannstadt. Der Kosovo-Krieg hat zwar seinen Schatten auf diese Fahrt ins Nachbarland Jugoslawiens gelegt. Eltern und Schüler von St.Michael ließen sich jedoch vom Hermannstädter Direktor Gerold Hermann ermuntern, "gerade jetzt" ihre Externer Link... Partner am rumänischen Brukenthal-Lyzeum zu besuchen. Diese waren bereits im September 1998 in Ahlen zu Gast.

Wie bereits 1997 ist auch für diese Fahrt nach Siebenbürgen ein reichhaltiges Programm geplant und von den Hermannstädter Gastgebern mit viel Mühe und Sorgfalt vorbereitet worden. Im Mittelpunkt steht das Projekt Externer Link... "Industrie-Natur-Kultur in NRW und Siebenbürgen". Dabei geht es um die vergleichende Wahrnehmung dieser beiden west- und osteuropäischen Regionen. Während im September letzten Jahres die Hermannstädter unter dieser Thematik das Ruhrgebiet erkundeten, werden das jetzt die Ahlener in Siebenbürgen tun: Exkursionen mit den Partnern sind vorgesehen ins römisch-dakische Sarmizegetusa hoch in den Bergen der Karpaten, in die interethnische Welt der Kirchenburgen und in den Naturraum des Hochgebirges.

Die politische Gegenwart Rumäniens rücken Besuche bei Banken und Industriebetrieben, in einer Siedlung der Roma, beim deutschen Generalkonsulat und Hermannstädter Bürgermeister ins Blickfeld.

Einen besonderen Akzent wird die Reise durch das Internet-Projekt "E-mail aus Hermannstadt" bekommen. Die Ahlener Bürgernetz-Initiative hat den Michael-Schülern eine digitale Kamera und ein Laptop zur Verfügung gestellt. Damit werden möglichst oft Photos und Berichte vom aktuellen Stand der Aktivitäten in Hermannstadt nach Ahlen gesendet. Dieses Material stellt die Bürgernetz-Initiative als Website ins Internet. Eltern, Mitschüler, Freunde und jeder, den es interessiert, können diese abrufen unter: Externer Link... www.ahlen.de, dort Klick auf "Was gibt es Neues" oder auf "E-mail aus Hermannstadt".

Sowohl für den Ahlener als auch für den Hermannstädter Schulbereich ist eine solche Internet-Aktion ein Pilot-Projekt. Es soll die Möglichkeiten testen, die das neue Medium Schulpartnerschaften bietet. Das Projekt wird in Kooperation zwischen beiden Schulen in Richtung auf Websites, die eine wechselseitige Kommunikation ermöglichen und dokumentieren, weiterentwickelt.

Gerade in der gegenwärtigen Kriegszeit ist eine bewußte Begegnung mit dem Osten von besonderer Bedeutung. Die Ahlener werden sich in Rumänien mit einer völlig anderen Sicht des Kosovo-Krieges konfrontiert sehen, als sie es von Deutschland gewohnt sind. Nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der dortigen Bevölkerung steht den NATO-Einsätzen gegen Jugoslawien positiv gegenüber. Die "Hermannstädter Zeitung" spricht von 1%! In einer solchen Situation spielt menschliche Begegnung, aber auch technologisch intensivierte Kommunikation eine wichtige Rolle. Beide können einer bewußteren Wahrnehmung des anderen dienen. Die Reise nach Hermannstadt im Schatten des Krieges soll beide fördern."

Ach ja, ehe wir es wieder vergessen:
Worüber wollen wir uns unterhalten? Was wollen wir uns mitteilen?

Antwort aus Hermannstadt

Gelbe Linie
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