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"Der Westen hat mir den Mund gestopft" Hallo Silviu! Da bin ich mal wieder. Deinen Vorschlag, das Gespräch über die "jungen Wilden" weiterzuführen, greife ich gerne auf. Allerdings möchte ich mich heute dem Problem von einer etwas anderen Seite nähern. Kürzlich las ich ein Gedicht von Mircea Cartarescu. Es erinnerte mich an ein Gespräch, das der alte Direktor Deiner Schule vor einigen Jahren mit einem ehemaligen Schüler führte. Der hat inzwischen an einer amerikanischen Universität bei Boston sein Examen gemacht und in den Staaten einen guten Job in der Wirtschaft gefunden. Ich bin mit ihm und seiner Familie in Hermannstadt eng befreundet. Erst vor einigen Monaten erzählte er mir: "Kurz bevor ich zu meinem Traumziel USA aufbrach, endlich raus aus Hermannstadts und Rumäniens Langeweile, sagte mir Direktor Schmidt in seiner bekannt drastischen, direkten Art zum Abschied: `Merke dir eins, Costescu! Du sitzt mit dem Arsch in zwei Booten.´" Und nun das eingangs erwähnte Gedicht Cartarescus. Der Westen hat mir den Mund gestopft. Ich habe New York und Paris gesehen, San Francisco und Frankfurt Ich kehrte mit einem Stapel Fotos zurück Ich hatte im Glauben gelebt, daß ich etwas bedeutete, daß mein Leben etwas bedeutete. Ich finde meinen Platz nicht, ich bin nicht mehr von hier In einer Rezension der "Deutsch-Rumänischen Hefte" (Juni 1999) schreibt dazu die Rumänin Daniela Burtea, Doktoradin an der FU Berlin: "Mircea Cartarescu stellt den Austritt aus der erzwungenen Isolation und die Begegnung mit der `weiten Welt´ als einen traumatischen Prozeß dar." Um es von der wissenschaftlichen auf die persönlich-existentielle Ebene zu holen: Die Isolation in Hermannstadts "großer rumänischer Langeweile" einerseits, der ersehnte Ausbruch in den "amerikanischen Traum" andererseits - "Arsch in zwei Booten", ein "Trauma"? Ich frage mich nämlich: Was bleibt, wenn die Freunde der "weißen Nächte" plötzlich fehlen? Kippt das Boot des amerikanischen Uni-Campus, wenn die andere Hälfte des Arschs in der Luft hängt, weil das zweite Boot davongeschwommen ist? Was könnte das neue, zweite Boot sein, das das alte der "weißen Nächte" ersetzt und die Kipplage wieder stabilisiert? Ich möchte Dir natürlich Deine Zukunftspläne nicht miesmachen. Auch sind die gestellten Fragen zunächst rein hypothetischer Art. Was wäre, wenn...? Vielleicht wird alles ganz anders, kein Trauma, kein "Arsch in zwei Booten". Vielleicht hast Du zu dem Gedicht Cartarescus auch ganz andere Einfälle und Assoziationen, bewertest es ganz anders. Auf jeden Fall meine ich allerdings: Es spricht ein Problem an, das zumindest für den Teil der rumänischen Jugend spezifisch werden kann, die dem Karpatenland den Rücken kehren wollen. Deshalb habe ich es Dir vorgestellt. Gerade für diesen Teil bleibt mir die Frage: Was könnte jenseits der "weißen Nächte" ein zweites stabilisierendes Boot sein, das er aus Rumänien mitnimmt? Es grüßt Dich aus dem gewittrig-schwülen Westfalenland Dietmar Hecht p.s. Wer von den deutschen Lesern dieser Mail durch Cartarescus Gedicht auf den Geschmack rumänischer Lyrik der Gegenwart gekommen ist, sollte sich die Anthologie besorgen: Dieter Schlesak (Hg.), Gefährliche Serpentinen. Rumänische Lyrik der Gegenwart, Edition Druckhaus 1998. Weiteres zu rumänischer Literatur und Philosophie auf der Homepage von |