LESERBRIEF VON KATRIN M. AN DAS ST. MICHAEL GYMNASIUM.... Telefax Gymnasium St. Michael Herrn Bernhard Morsbach Warendorfer Str. 72 59227 Ahlen Telefax: 02382 / 86 87 2 Cc: Bistum Münster, Generalvikariat, Telefax: 0251 / 495 – 6086 Sacha Stawski, Honestly-Concerned.org Tübingen, 9. Dezember 2002 Schulprojekt „11. September 2001 – Fluch dem Haus des Pharao" Sehr geehrter Herr Morsbach, mit großer Besorgnis wende ich mich an Sie in Ihrer Funktion als Leiter des Gymnasiums St. Michael in Ahlen mit der dringenden Bitte, sich des Sachverhaltes um oben genanntes Projekt anzunehmen. Da es sich um eine Website handelt, die auch über die Homepage des Bistums Münster erreichbar sind, erlaube ich mir, eine Kopie meines Schreibens zur Kenntnis an das Generalvikariat in Münster zu schicken. Im folgenden beziehe ich mich auf die e-Mail-Nachrichten des Projektleiters, Herrn Dietmar Hecht, an Sacha Stawski und Ruth Frenk, sowie auf die Protokolle der Arbeitsgruppen – die ich im Anhang diesem Schreiben anfüge. Um den von Herrn Hecht in den Raum gestellten Eindruck auszuräumen, es gäbe eine subjektive Definitionshoheit über den Begriff Antisemitismus, füge ich entsprechende Passsagen aus dem im September 2002 vom Bundesamt für Verfassungsschutz veröffentlichten Bericht „Die Bedeutung des Antisemitismus im aktuellen deutschen Rechtsextremismus" bei. Herr Pott hat sich in seinem Vortrag nicht nur eines antisemitischen Klischees bedient. Folgende vom Amt für Verfassungsschutz als antisemitische Stereotypen bezeichnete Argumentationsstränge möchte ich erwähnen: Israels „Staatsterror" sei indirekt verantwortlich für die Anschläge des 11.9.2001. Das vermeintliche Tabu, man dürfe Israel nicht kritisieren. Das Klischee einer jüdisch dominierten Presse, bis hin zum Begriff „Ostküste". Die Kollektivschuld-These. Die vermeintliche Sonderrolle Israels aufgrund des Holocaust. Die USA als jüdisch beherrschte Macht. Das Motiv des sekundären Antisemitismus, Juden hinderten Deutschland an der Entwicklung einer normalen Identität. Es gibt kaum ein Stereotyp des sekundären Antisemitismus, das nicht erwähnt wurde. Bis auf eines: wer dieses kritisch betrachte, schüre den Antisemitismus. Ich war bestürzt, als Herr Hecht es in seiner e-mail an Honestly-Concerned nachlieferte. Er spricht von „Fehdehandschuh" und will ihn gemeinsam mit seinen Schülern aufnehmen. Diese Ankündigung veranlasst mich, Sie zu bitten, umgehend den Einfluss von Herrn Hecht auf die Schüler einzuschränken. Die jungen Menschen wurden Theorien ausgesetzt, denen die Wissenschaft bisher jeglichen Beweis schuldet. Dass sie dazu noch gefährlich sind, zeigt der Bericht des Verfassungsschutzes. Die Schüler jetzt auch noch für eine „Fehde" instrumentalisieren zu wollen, geht entschieden zu weit. Verstehen Sie mich bitte richtig: ich setze mich hier nicht für ein Schweigen oder ein Tabu ein – in meinen Augen ist ein sachlicher Diskurs jetzt erst Recht notwendig. Wenn Herr Hecht sich daran stört, dass öffentlich auf diese Theorien reagiert wurde, muss er dabei berücksichtigen, dass er diese Thesen unkommentiert für jeden zugänglich veröffentlicht hat. Sie sind in die Homepage Ihrer Schule und des Bistum Münster eingebunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie oder das Bistum Münster die unkommentierte Veröffentlichung dieser Thesen in Ihrem Namen wünschen. Um eine Antwort wäre ich verbunden. Mit freundlichen Grüßen, Katrin M . Anlagen: e-mail von Herrn Hecht an Sacha Stawski e-mail von Herrn Hecht an Frau Frenk Inhalte der Projekt-Website Auszüge aus dem Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz „Die Bedeutung des Antisemitismus im aktuellen deutschen Rechtsextremismus Anlage 4: Passagen aus dem Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz September 2002: Der gesamte Bericht kann unter http://www.verfassungsschutz.de/publikationen/gesamt/antisem.pdf abgerufen werden. Die Bedeutung des Antisemitismus im aktuellen deutschen Rechtsextremismus Soweit im Antizionismus tradierte antisemitische Klischees verwandt werden, stellt er eine neue, verkappte Form des Antisemitismus dar. (S. 20) Die Politik Israels und ihre internationale Resonanz wird von Antisemiten mit den Argumentationsschemata des modernen Antisemitismus bewertet. So wird z.B. das tradierte antijüdische Klischee von der weltweiten Macht der Juden verwandt, sowohl im Bezug auf die Unterstützung durch die USA als auch in einem angeblichen Verbot einer Kritik an Israel.78 (S. 20) Der antisemitische Diskurs mit all seinen Attributen basiert auf der Paranoia des „ewigen Juden": Das „Weltjudentum" steuere Finanzmärkte und Pressewesen, lasse Kriege führen und halte sich Vasallenregierungen; es beute rach- und herrschsüchtig das deutsche Volk aus. Juden forderten eine Sonderrolle, die ihnen politische und wirtschaftliche Macht sichere. (S. 36) Die rechtsextremistische Kritik an Israel richtet sich nur vordergründig gegen die Politik der Regierung Scharon, sie ist grundsätzlicher Natur und wurzelt im Antisemitismus, oftmals nur dürftig getarnt als Antizionismus. Soweit nicht ein eliminatorischer Antisemitismus zu Grunde liegt, weist die Motivation auf den für die innerdeutsche Debatte prägenden „sekundären Antisemitismus" und leistet einen Beitrag zum Entschuldungsdiskurs. Dies gipfelt in dem Vorwurf einer israelischen „Ausrottungspolitik". Von interessierter Seite wird insinuiert oder behauptet, eine Kritik an Israel sei „verboten" oder werde per se als antisemitisch verurteilt. Die kritische Berichterstattung der Tagespresse und einzelne Kommentare aus den demokratischen Parteien zur aktuellen israelischen Politik widerlegen dies ebenso, wie das Abstimmungsverhalten der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen. (S.37) Auch die USA werden als jüdisch beherrschte Macht, zumindest aber als Unterstützer Israels angegriffen. Im rechtsextremistischen Diskurs werden Antiamerikanismus und Antisemitismus zuweilen synonym gebraucht: Die „amerikanische Ostküste" steht hier für eine jüdische Weltherrschaft, die Globalisierung wird als Strategie eines amerikanisch-jüdischen Finanzkapitals zur Knechtung der Völker diffamiert. Antisemitisch konnotierte Schmähungen Israels und der USA sind ein Propagandamittel der „Feinde des Westens".(S. 37) MAHLER120 bezeichnet in typisch antisemitischer Diktion „Kollektivschuldwahn" und „vererbbare Schuld" als „charakteristisch für das jüdische Denken". Blieben die Deutschen darin gefangen, könnten sie ihre „Selbstheit" nicht wieder finden. (S.28/29) Der Vorsitzende der „Deutschen Volksunion" (DVU), Dr. Gerhard FREY73, behauptet, die Terroranschläge richteten sich nicht gegen die westliche Welt. Es sei vielmehr die „Verzweiflungstat von Arabern, die unter Opferung ihres eigenen Lebens gegen die Schlüsselrolle von Bush bei der Vernichtung der Palästinenser protestieren."(S. 19). Der Völkermord an den europäischen Juden und die Problematik der adäquaten Erinnerung stellen eine zweite wesentliche Ebene der Verwendung antisemitischer Feindbilder dar. Empirische Untersuchungen seit 1952 belegen sowohl erhebliche Vorbehalte und Widerstände der Bevölkerung gegen Zahlungen an Opfer des Nationalsozialismus als auch eine breite Zustimmung für die Forderung nach einem Schlussstrich unter die Debatte um die „Vergangenheitsbewältigung". (...) Sozialwissenschaftler sehen die Möglichkeit, dass antisemitisches Denken gerade im Zusammenhang mit der Verarbeitung nationalsozialistischer deutscher Vergangenheit seine Dynamik entwickeln könnte. Der „sekundäre Antisemitismus" versucht unter Verwendung antisemitischer Stereotypen die Juden als ewige Verfolger darzustellen. Deutschland werde an der Entwicklung einer „normalen" nationalen Identität gehindert. Mit dem Vorwurf, Repression und „Geistesterror" („Junge Freiheit") verhinderten eine tabufreie Debatte über die deutsche Geschichte, wollen Rechtsextremisten politisch und gesellschaftlich verankerte Wertorientierungen aushebeln und den Weg zu einer Neubewertung nationalistischer Politik ebnen. Sie verknüpfen hier den Antisemitismus mit ihrem angeblichen Kampf für Meinungsfreiheit und gegen staatliche Repression. (S.37-38) Seit Jahrzehnten – und aktuell besonders in Bezug auf die Entschädigungszahlungen für NS-Zwangsarbeiter und das geplante zentrale Holocaust-Mahnmal in Berlin – greifen Rechtsextremisten mit immer gleichen antisemitischen Klischees in die Debatte über die Erinnerung an NS-Verbrechen ein: Wer die deutsche Vergangenheit kritisch thematisiere, schüre einen neuen Antisemitismus, die Juden beuteten das deutsche Volk aus und trügen somit selbst die Schuld am Antisemitismus. (S.30-31) An Text-Beispielen aus der Partei „Die Republikaner" lässt sich exemplarisch aufzeigen, wie tradierte antisemitische Stereotypen mit einem „sekundären" Antisemitismus verbunden werden. Sie zeigen zudem die Ebenen des antisemitischen Diskurses: insinuierend, chiffriert, offen, manifest. Dem Antisemiten, der sich im Besitz eines quasi Geheimwissens über eine weltumspannende jüdische Verschwörung wähnt, dienen sie allesamt zur Bestätigung seines Konstrukts, wenngleich er letztlich durchaus schätzt, wenn – wie im letzten Beispiel – „Klartext" geredet wird, die „Täter" benannt werden und der „Tabubrecher" nicht zu „kriechen" bereit ist: (...) Der Vorsitzende SCHLIERER 127 bedient in einem weiteren Text auf der Suche nach den – in der Pressemitteilung nicht genannten - „Schuldigen" insinuierend typisch antisemitische Vorurteile (Rachsucht, Juden sind selber schuld): Den Deutschen werde „trotz aller gezeigten Reue und aller Bemühungen um Wiedergutmachung die Vergebung bis in alle Ewigkeit verweigert": Wer den Bogen derart überspanne, provoziere „wissentlich" antisemitische Reaktionen. Andere in der Partei belassen es nicht bei solchen Andeutungen: Sie argumentieren in einem Grundsatzdokument offen antisemitisch und fügen ein weiteres antijüdisches Stereotyp hinzu (Geldgier)128: Als „deutsche Patrioten" behielten sie sich das Recht vor, „auch jüdischen Verleumdungen und jüdischen Bevormundungen entgegenzutreten. Schluß mit der jüdischen Indoktrination deutschen Schuldbewußtseins zwecks finanzieller Ausbeutung."(S. 31)