"Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!
Ihr Ungeheuer mit dem Namen Hans!
Mit diesem Namen,
den ich nie vergessen kann.
Immer wenn ich durch die Lichtung
kam, und die Zweige sich öffneten, wenn die Ruten mir das Wasser von den Armen
schlugen die Blätter mir die Tropfen von den Haaren leckten, traf ich auf einen
der Hans hieß.
Ja, diese Logik habe ich gelernt,
daß einer Hans heißen muß, daß ihr alle so heißt, einer wie der andere aber
doch nur einer. Immer einer ist es, der diesen Namen trägt, den ich nicht
vergessen kann.
Und wenn ich Euch alle vergesse,
ganz und gar vergesse, wie ich Euch ganz geliebt habe.
Und wenn Eure Küsse und Eurer Samen von den vielen großen Wassern, Regen, Flüssen, Meeren längst abgewaschen und fortgeschwemmt sind, dann ist doch der Name noch da, der sich fortpflanzt unter Wasser, weil ich nicht aufhören kann ihn zu rufen, Hans, Hans....."
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Undine
geht, eine Art Kurzgeschichte der Schriftstellerin Ingeborg
Bachmann. Eine Kurzgeschichte jedenfalls, die aus dem üblichen
Rahmen fällt, die nichts mehr gemein
hat, mit dem allseits bekannten Märchen Friedrich de la Motte Fouqué,
das man seinen Kindern vorm zu Bett gehen vorlesen und zu Weihnachten
beruhigt im Fernsehen zeigen kann.
Allein der Titel „Undine geht“ verrät, daß Undine in diesem Zusammenhang alles andere als die kleine, süße und in Liebe entbrannte Meerjungfrau ist, die ihr Leben opfert für ihren tapferen und zugleich lebensbedrohten Prinzen, ihren Traumprinzen, den sie am Ende aber doch verliert.
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Vielmehr ist Undine bei Ingeborg Bachmann eine geistige und selbständige Muse, die die Männer versteht, zu der sie sich hingezogen fühlen. In ihrer Kurzgeschichte rechnet eben diese andere Undine mit den Männern, die in dem Text entweder „Ungeheuer“, „Monster“ oder einfach nur „Hans“ heißen ab. („Das hat mich zum Staunen gebracht, daß ihr euren Frauen Geld gebt zum Einkaufen und für die Kleider und für die Sommerreise, da ladet ihr sie ein (ladet sie ein, zahlt, es versteht sich). Ihr kauft und laßt euch kaufen. Über euch muß ich lachen und staunen, Hans, Hans, über euch kleine Studenten und brave Arbeiter, die ihr euch Frauen nehmt zum Mitarbeiten, da arbeitet ihr beide, jeder wird klüger an einer anderen Fakultät, jeder kommt voran in einer
anderen Fabrik, da strengt ihr euch an , legt das Geld zusammen und spannt euch vor die Zukunft.“)
Ingeborg Bachmann verleiht ihrer Heldin allerdings nicht nur die Stärke und
die Selbständigkeit, die sonst nur Männern zugesprochen wird, sondern
unterwirft Undine auch einem Zwang. Dem Zwang die Männer lieben zu müssen. Sie
muß aus dem Meer auftauchen, Hans rufen, die Männer locken und besitzen, um
sie schließlich zurückzulassen. Dann erneut auftauchen und rufen und lieben
und verlassen. So fällt sie einerseits ein vernichtendes Urteil über die „Ungeheuer“,
ohne die sie aber andererseits nicht lebensfähig ist.
Ingeborg Bachmann eröffnet dem Leser einen völlig neuen Blick. Die Welt der
Menschen wird aus einer seltsam anderen Perspektive betrachtet. Männer, Frahuen,
Kinder, Gewohnheiten oder alltägliche Dinge werden verblüffend anders
dargestellt. So beurteilt Undine die Erde aus der Perspektive des Meeres. Dabei
dringt die bis in den letzten Winkel der Menschenhäuser vor und bleibt nicht
bei einem pauschalen Überblick.
„Undine geht“ von Ingeborg Bachmann ist in einer Weise ganz besonders auffallend untypisch.
Der Text spielt mit dem vielfach verwendeten und überall zu findenden Rollenklischee von Mann und Frau. Egal in welchem Bereich der Literatur man sich auch umsieht, der Frau wird die Rolle der „Bösen“ und der „Schuldigen“ zugesprochen:
Angefangen im alten Testament, mit Adam und Eva,
mit der Vertreibung aus dem Paradies über die Nibelungensage bis hin zu
billigen Taschenbüchern, in denen im Prinzip jeder Mann seine Erfahrungen über
Frauen zur allgemeinen Diskussion beitragen kann, ist dieser Dualismus
vertreten.
Bachmann kippt in „Undine geht“ nun dieses alt
überlieferte Frauenbild, indem sie die Männer von einem frauenähnlichen Wesen
aus dem Meer beschreibt. Dabei wäre es falsch zu behaupten, Undine vertrete
hier die Rolle des „Guten“, die Männer hingegen seien ausschließlich „böse“.
Ingeborg Bachmann dreht das Rollenklischee also nicht einfach um , sondern
bemüht sich eben um ein Bild der Beziehung zwischen Frau und Mann, das nicht
nur „gut“ und „böse“ kennt.