(Auszüge aus dem
Buch "Theos Reise" von Catherine Clément, Hanser Verlag)
(...)
"Und wie ist es bei den Chinesen?", fragte Theo, während er sein
Tagebuch zuklappte.
"Ganz
anders", antwortete Tante Marthe. "Ihr Prinzip ist die absolute
Ordnung. Wenn du dich ihr anpasst, ist alles gut. Wenn du aber dagegen bist, ist
gar nichts mehr gut."
"Also
ist es wie bei den Hindus."
"Ja
und nein. Es gibt kaum eine Religion, die nicht ihre eigene Kosmologie
entwickelt hat, das heißt ihre Erklärung für die Entstehung der Welt. Die des
Judentums und des Christentums
kennst du ja..."
"Warte
mal...Gott schuf das Paradies, ist es das?"
"Du
weißt wirklich nicht viel", seufzte Tante Marthe. "Am Anfang war die Erde wüst und
wirr, Finsternis lag über der Urflut, Gottes Geist schwebte über dem Wasser.
Gott sprach: "Es werde Licht!"
Und es wurde Licht. Er nannte es "Tag"
und die Finsternis
war "Nacht". Dann schied
er den Himmel und das
Wasser, benannte das "Land", und die
Erde wurde, er benannte die Pflanzen, die Sterne und die Tiere. Schließlich
schuf er den Menschen,
ließ einen tiefen Schlaf auf ihn fallen, entnahm dem neuen Körper eine Rippe,
aus der er die Frau schuf.
Das dauerte sechs Tage, und am letzten Tag ruhte Gott sich aus..."
"Ich
weiß!", rief Theo. "Er tat nichts:"
"Es
gibt sogar Völker, die glauben, dass er für immer eingeschlafen ist. Aber bei
den Hindus ist es anders. (...)
Die
Chinesen gehen nach einem
ähnlichen Prinzip vor. Die Welt ist ein
unermessliches Ganzes, in dem die Berge und der Körper, die Farben und
die Richtungen, die Nahrung und der Zyklus der Jahreszeiten wie eine Art
riesiger Technik-Baukasten gedacht wurden, dem man nicht entrinnen kann."
(...)
"Man
musste viel weiter gehen, um den Baukasten zu verstehen. In China bildeten Raum und Zeit nämlich eine
gut eingerichtete Ganzheit: (...)
Doch
waren es vor allem zwei
Prinzipien, Yin
und Yang, die
sich die zwei Zyklen der Zeit teilten: Yin beherrschte das
Feuchte, das Dunkle, den Mond und das Weibliche,
Yang lenkte das Trockene, das Licht, die Sonne
und das Männliche."
"Das
hab ich, glaub ich, schon mal gehört", murmelte Theo.
"Moment!
Es hatte etwas mit Genesha zu tun...Ich hab's! Skanda, das väterliche Feuer,
Genesha, das mütterliche Wasser."
"Genau",
bestätigte Tante Marthe. "Du
wirst sehen, beides ergänzt sich."
Der
Wechsel der trockenen und nassen Jahreszeit hing von diesen beiden Prinzipien
ab. Das von der Dunkelheit
des Yin angezogene somit sonnige
Yang stieg unter die Erde hinab, kam wieder
hervor und trat mit der Ferse auf den Boden, um das Eis zu brechen und die
Quellen zu wecken. So erzeugten Yang und yin in vollendetem Miteinander das
gesamte Leben.
Tante
Marthe zeichnete etwas in Theos Tagebuch:

"Und
die beiden Punkte da?", fragte Theo.
Jeweils
in das andere Prinzip eingebettet, stellten sie den Anteil des weiblichen Yin im
männlichen Yang und den des männlichen Yang im weblichen Yin dar.
"Das
ist ja wie in Indien! Stimmt es, dass
ich Weibliches in mir habe?"
Tante
Marthe berichtete, dass die Genetiker vor kurzem bei allen Menschen das Vorhandensein von
Chromosomen des jeweils andren Geschlechts festgestellt hatten, womit das
intuitive Wissen der asiatischen Religionen bestätigt wurde.
"Echt?"
Theo war verblüfft. "Rabbi Elieser hat doch von einer verschleierten Dame, der weiblichen Gegenwart
Gottes, gesprochen, oder?"
Das
hatte der Rabbi jedoch nicht in der Bibel gefunden. Die Schekhinah, die Frau mit dem
Schleier, war im Exil als Trost hinzugefügt worden. (...)
Die Prinzipien Yin
und Yang waren vom Tao verkündet worden: "ein Teil Ying, ein Teil Yang das
ist das Tao", heißt es in dem heiligen Text. Das Tao ist das Prinzip ihres
Wechsels und ihres vollendeten Ausgleichs. Das Tao ist keinesfalls ein Gott: Es
erschafft nicht, es gleicht aus. Um das Tao, das heißt die Ordnung der Welt, zu
verehren, sind die Taoisten nur versessen auf Zeit und Raum (...)
Kurt Sinners setzt das oben beschriebene Harmonieideal mittels seines fast schon graphisch konstruierten Text „Verwirrung“ um.
Wie sich das Idealbild des Tao im wirklichen Leben umsetzten läßt, kann man im „Problemaufriß“ und in den „Lösungsansätzen“, die sich auf den Text von Ingeborg Bachmann beziehen, weiterverfolgen.