- Theorieentwurf zum Hypertext-Projekt „Schwarze Sonne“ -
(Literaturkurs der
Jahrgangsstufe 13, Schuljahr
1999/2000)
| Einleitung |
|
Sonne
der Tinglit
(British
Columbia)
Das Hypertext-Projekt „Schwarze Sonne“ folgt dem
Denkmodell „Alte Knoten lösen – ein neues Netz knüpfen.“ Formal auf den
Punkt gebracht: Es geht um Dekonstruktionen mit dem Ziel einer Rekonstruktion.
Das wird am Beispiel der Semantik des Leitsymbols „Schwarze Sonne“
durchgespielt.
Eine solche transformierende Arbeit hat ein archetypisches Vorbild: Den Initiationsprozeß der Schamanen. Mit Blick darauf entwickelt der folgende Theorieentwurf das Bild des „Cyber-Schamanen“. Er reflektiert darin eine als schamanistisch strukturiert aufzufassende Arbeit im Erlebnisraum der Hypertext-Logik des Cyberspace. Ihr Resultat hat in der hypertextuellen Struktur des jüdischen Talmud eine bemerkenswerte Parallele.
Einen ersten Überblick zu Hypertext und Cyberspace gibt Heiko Idensen „Poesie soll von allen gemacht werden! Von literarischen Hypertexten zu virtuellen Schreibräumen der Netzwerkkultur“
www.uni-hildesheim.de/~idensen/poesie.htm
Unter medienphilosophischen Gesichtspunkten sei
empfehlend auf die Internet-Essays von Mike Sandbothe hingewiesen: www.uni-jena.de/ms/home2a.html
Daß dem Internet Archetypisches nicht fremd ist, geht aus der MIT-Studie hervor: „Internet-Dreams. Archetypes, Myths and Metaphors“
www.cgjung.com/psychtech/techdeb.html
Eine strukturelle Nähe zu Archetypischem läßt sich, so der Grundgedanke dieses Entwurfs, auch bei hypertextueller Dekonstruktion und Rekonstruktion erkennen. Es handelt sich dabei um eine Nähe zum Intitiationsprozeß des Schamanen. Dessen theatrale Aspekte lassen Berührungspunkte mit der Inszenierungsgesellschaft des Cyberspace und mit dessen hypertextuellen Darstellungsformen noch deutlicher werden. Dazu Mike Sandbothe „Theatrale Aspekte des Internet. Prolegomena zu einer zeichentheoretischen Analyse theatraler Textualität“
www.uni-jena.de/ms/theatral.html
Daß ferner eine Nähe der
Hypertext-Logik zur logischen Organisationsform des jüdischen Talmud
besteht, wird am Ende des Entwurfs deutlich werden. Dabei wird sich zeigen, daß
dieser logischen Nähe auch ethisch Vergleichbares entspricht.
Hartmut Kraft (Über
innere Grenzen. Initiation in Schamanismus, Kunst, Religion und Psychoanalyse,
München 1995) schreibt zum Initiationsprozeß des Schamanen:
„Eine Beschreibung und Analyse spezifischer
Erscheinungsformen des Schamanismus, sei es in Asien oder Amerika, sei es in
prähistorischer Zeit oder heute, ist primär eine Aufgabe der Ethnologen und
Historiker. Aufgrund zahlreicher Vergleiche hat der Ethnologe van Gennep eine
transkulturell gleichbleibende Dreischrittigkeit der Initiationsprozesse
herausgearbeitet. Er beschrieb die rituell festgelegten Abläufe und unterschied
eine Separation (Loslösung vom alten Status), eine Marge (Übergangs- und
Wandlungszeit) und eine Agregation (Einführung in den neuen Status) mit den
jeweils entsprechenden Riten der Loslösung, der Wandlung und der
Wiederangliederung.“(S. 318)
Diese zeit- und kulturübergreifende Konzeption
ermöglicht erst den Vergleich schamanistischer Initiation mit den Strukturen
hypertextueller Darstellung im Rahmen des Projekts „Schwarze Sonne“.
Der Weg im Netz beginnt für den Leser mit einer Separation im Sinne van Genneps: Er muß die Netzknoten von vier Arbeitsgruppe lösen. Die Semantik dieser vier Knoten ist dualistisch bestimmt: St.Michael/Satan, Ordnung/Chaos, Licht/Finsternis, Mann/Frau, Geist/Trieb etc. Die dualistische Semantik Gut/böse bestimmt das Symbol der „Schwarzen Sonne“, wie es z.B. auf folgenden Webpages zu finden ist:
„Star-Wars – Schatten des Imperiums“
http://www1.tu-chemnitz.de/~kku/StarWars/schatten.htm
„Z-Plan“ – „leidenschaftlicher Kampf im Licht der Schwarzen Sonne“
(das geheime Erbe von Admiral Canaris)
http://home.t-online.de/home/delta-press/plan~1.htm
Thule-Net: neonazistischer Online-Dienst
Spätestens das dritte Beispiel, das als Schwarze Sonne das Sonnenrad des SS-Obergruppenführersaals auf Himmlers Wewelsburg verwendet, zeigt offen die politische Dimension solcher Schwarz/weiß-Semantik. Sich aus dem Denkschema dieses Dualismus, einer „`Wir-gegen-Sie´-Mentalität“, zu lösen, ist das Anliegen der Separation.
Beim Lösen der vier Netzknoten steigt der Leser immer
tiefer hinab in das Labyrinth eines verwirrenden Hypertextes. Das Element
solcher Verwirrung gehörte zum täglichen Brot der Kursarbeit. Nun ereilt es
auch den Leser.
Ihm ergeht es wie dem Schamanen, der im Zustand der Marge
durch die Konfrontation mit einer „Jenseitswelt“ eine Übergangs- und
Wandlungszeit erlebt. In tiefenpsychologischen Kategorien ausgedrückt, kann die
schamanistische Marge als Begegnung mit archetypischen Inhalten des kollektiven
Unbewußten aufgefaßt werden. Indem der Schamane sich diesen Inhalten aussetzt,
wandelt er sich. In ihm vollzieht sich ein Prozeß der Selbstheilung, der ihn
befähigt, nun selbst ein Heiler zu sein.
Das Verwirrende der hypertextuellen Marge liegt in der
delinearisierenden Struktur der html-Textualität. Der von A nach Z linear
programmierte Leseprozeß der Gutenberg-Galaxis versagt im Cyberspace.
Stattdessen findet sich der Leser in einer Art Traumlandschaft wieder, in der
die Reihenfolge des zu Lesenden völlig irrelevant ist. In Kategorien von
Deleuze/Guattari ausgedrückt, gleicht die Topographie dieser „Jenseitswelt“
einem rhizomatischen Labyrinth, das sich wie ein unterirdisches,
feinverästeltes Wurzelgeflecht ausbreitet.
Zur weiteren Information über diesen Denkansatz sei die umfangreiche Deleuze/Guattari-Webpage empfohlen
www.langlab.wayne.edu/Romance/FreDeleuze.html
Sich durch ein solches Rhizom den eigenen Weg zu suchen,
ist die Aufgabe des Lesers im Zustand der Marge. Das Ziel dieser individuellen
Quest von Text zu Text ist es, die dualistische Semantik der Rhizom-Knoten zu
dekonstruieren. Dem Schamanen gibt das Chaos des Unbewußten die Chance einer
heilenden Wandlung. Die Wirrnis des Hypertext-Rhizoms „Schwarze Sonne“ gibt dem Leser die Chance, dualistische
Wahrnehmungsstrukturen zu dekonstruieren.
Mit der delinearen Hypertext-Struktur hat sich theoretisch und praktisch das Projekt computervermittelter Kommunikation am Gymnasium St. Michael auseinandergesetzt „eMail Sibiu><Ahlen“ www.dialogin.de/projekte/sibiuahlen/labyrinth/index.html Unter der Überschrift „Denken heißt, nach dem Weg zu tasten“ (Eco) wird das Projekt im Horizont der Theorie von Deleuze/Guattari gedeutet:
www.dialogin.de/projekte/sibiuahlen/einleitung/doc_05.html
Medienphilosophisch führt der Internet-Essay von Mike Sandbothe weiter „Interaktivität – Hypertextualität – Transversalität. Eine medienphilosophische Analyse des Internet www.uni-jena.de/ms/iht.html
Am Ende der Marge sind die Netzknoten der vier Arbeitsgruppen gelöst und der Leser hält vier entknotete Fäden in der Hand. Die gilt es jetzt zu einem neuen Netz zu verknüpfen. Es geht dabei um die Rekonstruktion einer nicht-dualistischen Semantik des Leitsymbols der Schwarzen Sonne. Nach seinem Weg durch die dekonstruierende Marge gliedert sich so der Leser der integrativen Semantik des neuen Netzes „Schwarze Sonne“ an.
Er begegnet dort z.B.
-
dem „Sol niger“ der Alchemie und dessen tiefenpsychologischer
Deutung durch C.G.Jung;
-
der Melancholie Saturns im Zeitalter der Renaissance (Marsilio
Ficino, Albrecht Dürer);
- der Trauer, die den abspaltenden Haß des Apokalyptikers zurückhält (Julia Kristeva, Schwarze Sonne. Depression und Melancholie).
Im neuen Netz der Schwarzen Sonne endet die „Unfähigkeit
zu trauern“ (Mitscherlich). Nicht zufällig hebt Erich Fromm bei Hitler „seine
Unbezogenheit, seinen absoluten Mangel an Liebe, Wärme und Mitgefühl“ hervor
(Anatomie menschlicher Destruktivität).
Anders die neue Netz-Semantik:
Die Rekonstruktion einer integrativen Semantik des
Leitsymbols „Schwarze Sonne“ zielt auf Horizonte der Heilung eines solchen
destruktiven Narzißmus. Wie Alexander und Margarete Mitscherlich im Anschluß
an G.H.Pollock (Mourning and Adaption)
betonen, gelingt die aber nur, „wenn wir auch Hitler in uns selbst
assimilieren, das heißt fortschreitend überwinden können. Der Mangel an
Trauerarbeit läßt ihn als eingekapseltes Introjekt weiterbestehen.“ (Die
Unfähigkeit zu trauern, 64)
Deshalb begegnet der Leser im Zustand der Agregation auch
noch einmal dem Sonnenrad der Wewelsburg. Er wird mit dessen Semantik als „Schwarzer
Sonne“ so konfrontiert, wie der SS-Führer Landig dieses Symbol in seiner
Roman-Trilogie „Götzen gegen Thule“ deutet: als „Ausgangspunkt der
arischen Sendungsüberlieferung“ und arisches Widerstandssymbol im „ewigen
Kampf zwischen Thule und Juda“.
Es hieße die Agregation mißzuverstehen, würde diese
dualistische Seite des Symbols im neuen Netz der „Schwarzen Sonne“
ausgeblendet und als „böse“ verteufelt. Eine erneute Abspaltung wäre die
Folge. Im Sinne Mitscherlichs geht es aber gerade um die Assimilierung dieses
dualistischen Schattens, des „Hitlers in uns“. Ausführlich nimmt zu diesem
schwierigen Problem der Schatten-Integration die jüngste Arbeit von Verena Kast
Stellung „Der Schatten in uns. Die subversive Lebenskraft“, Olten 1999.
Daß sich ein tiefgreifend religiöses Problem hinter der Angliederung des Schattens verbirgt, ist Gegenstand des Projekts „`Kinder des Teufels´?“ der Klassen 10a und 10b am Gymnasium St. Michael www.dialogin.de/schuelerprojekte/teufel/index1.htm Es geht darin um einen Abschied vom nur „lieben Gott“ und eine Rückbesinnung auf den „Einen Gott“, dem auch das „Böse“ entspringt. Der jüdischen Tradition ist im Gegensatz zur christlich-apokalyptischen dieses Gottesbild geläufig. Während der Ahlener "Woche der Brüderlichkeit"“1999 wurde diese Differenz herausgearbeitet :
www.ahlen.de/kultur/bruederlichkeit/archiv/woche99/index.html
Mit dem Hypertext-Projekt „Schwarze Sonne“ setzt die
„Woche der Brüderlichkeit 2000“ die Arbeit an dieser Thematik fort. Auf den
Punkt gebracht: Ziel der Agregation ist die Angliederung des dualistischen
Schattens christlich-apokalyptischer Tradition an ein integratives Bewußtsein.
Der New Yorker Psychoanalytiker Leon Wurmser (Die Maske der Scham) nennt dieses ein „revolutionäres Über-Ich“,
dem jede Schwarz-Weiß-Spaltung fremd
ist. Er kleidet das mit dem Taoisten Lao-tse in die Frage: „Was der Himmel
haßt, wer weiß denn das?“ Auf dieses „revolutionäre Über-Ich“, das
nicht urteilt oder im Namen eines Gottes verurteilt, läuft die schamanistische
Dekonstruktion und Rekonstruktion hinaus, die das Hypertext-Projekt „Schwarze
Sonne“ im Medium des Internets zu
realisieren versucht.
Dem Ziel der Annäherung an ein solches „revolutionäres
Über-Ich“ im Sinne Wurmsers entspricht
nicht nur der Inhalt, sondern auch die hypertextuelle Logik des neuen Netzes „Schwarze
Sonne“. Sie weist Parallelen zum jüdischen Talmud auf und realisiert in
technologischer Anschaulichkeit, was mit einem revolutionären, nicht
verurteilenden Über-Ich gemeint sein kann.
Auf der Seite „Transsilvanisch-westfälischer Talmud“ hat sich das Schulprojekt computervermittelter Kommunikation „eMail Sibiu><Ahlen“ mit den Parallelen zwischen Hypertext-Logik und jüdischem Talmud auseinandergesetzt:
www.dialogin.de/projekte/sibiuahlen/einleitung/doc_03.html
Das Projekt folgt dabei der Arbeit von Stefan Hrabanus „Die Sprache der Internet-Kommunikation“ www.uni-mainz.de/~rabac000/vers_14/vers_14.html
Exkurs Talmud www.uni-mainz.de/~rabac000/vers_14/node27.html
Der jüdische Talmud ist so organisiert, daß sich um einen zentralen Text Kommentare gruppieren. Eine solche Talmudseite besteht also aus verschiedenen Textblöcken um einen zentralen Textblock und wird nicht in einer vorgegebenen Linearität gelesen. Die Reihenfolge der Kommentar-Lektüre ist völlig irrelevant. Mit dieser Delinearisierung entspricht der Talmud hypertextueller Delinearität. Um sich einen anschaulichen Eindruck von dieser Talmud-Struktur machen zu können, sei ein Besuch beim „Digital retypsetting project of the ancient Jewish Talmud“ empfohlen:
www.publish.com/features/9606/talmud/navigate.html
In der talmudischen Delinearität ist jedoch auch ein
ethisches Element enthalten, das der Urteilsfreiheit des „revolutionären
Über-Ichs“ (Wurmser) entspricht. Die Redakteure des Talmud haben nämlich
darauf verzichtet, die Kommentare zu bewerten. Diese stehen vielmehr
redaktionell unkommentiert nebeneinander und können sich u.U. sogar
widersprechen. Es fehlt die richtende Instanz eines „wahr“ und „falsch“,
„gut“ und „böse“ unterscheidenden Lehramts. Die Entscheidungsinstanz
liegt allein beim Leser. Dahingestellt sei, ob es überhaupt etwas zu
entscheiden gibt oder ob im Hypertext die Entweder-oder-Logik nicht desolat
geworden ist.
Ähnlich offen ist das neue Netz „Schwarze Sonne“
geknüpft. Sieben zentralen Texten fügen die vier Arbeitsgruppen ihre
Kommentare zu. Niemand hat darüber geurteilt, ob diese „falsch“ oder „richtig“
sind. Es ist dem Leser überlassen, die Kommentare einzuschätzen. Er soll
danach die Gelegenheit haben, nun
seinerseits seinen eigenen Kommentar in diese „Talmud-Seite“
hineinzuschreiben. Dazu steht jedem Besucher der Website ein „Guest-Book“
zur Verfügung. So soll das Netz der „Schwarzen Sonne“ im Sinne talmudischer
Urteilsfreiheit weitergeknüpft werden.
In diesem Theorieentwurf spielten zwei Begriffe aus dem Bereich der Religion eine zentrale Rolle: Schamane und Talmud. Beide werden zum Cyberspace in Beziehung gesetzt. Deshalb sei abschließend auf das Verhältnis von Religion und Cyberspace als einem online diskutierten Thema hingewiesen. Einen guten Einblick gibt dazu eine Reihe von Aufsätzen der Ausgabe VII des interdisziplinären Webzine „Cybersociology“ (September 1999), die unter dem Thema steht „Religion online/Techno-Spiritualism“ www.socio.demon.co.uk/magazine/7/issue7.html. Das japanische Multimedia-Webzine „InterCommunication. A journal exploring the frontiers of art and technology“ (Herbst 1998) geht direkt auf den Schamanismus ein: „Neo-Shamanism – Towards a Culture of „Ex-stase“. The Appearance of Intensive Expanse in the Digital Realm“ www.ntticc.or.jp/pub/ic_mag/ic026/html/168_170e.html
Es wird eine Aufgabe künftiger Projektarbeit sein, den im letzten Beitrag behandelten hypermedialen Aspekt schamanistischer Performance verstärkt in ein Hypertext-Projekt zu integrieren. Dazu einführend: Heiko Gerken, „Hypermediales Erzählen“ www.uni-hildesheim.de/~idensen/gerken.htm. Weiterführend die Homepage des MA-Kurses am HyperMedia Research Centre der Universität von Westminster http://ma.hrc.wmin.ac.uk/ma.db.
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