Faust und das Buch Hiob

Polarität und Dualismus

Liest man den „Prolog im Himmel“ von Goethes Faust I, so fällt sofort die ungewöhnliche Beziehung auf, die Gott und Mephisto verbindet. Charakteristisch ist eine gewisse Sympathie, die dem traditionellen Verhältnis Gottes zu seinem Antagonisten widerspricht. Bereits an dieser Textpassage wird deutlich, dass man sich nicht dazu hinreißen lassen darf, von einem schlichten Dualismus zwischen Gott und Mephistopheles zu sprechen. Vielmehr gehört der Geist, der stets verneint (1336)[1] zum Gefolge des Herrn an, und erscheint zusammen mit den Erzengeln zu einer Art Audienz. Dass diese erwähnte Sympathie auf Gegenseitigkeit beruht, wird an den folgenden Beispielen unmissverständlich deutlich, so spricht der Herr:

Von allen Geistern die verneinen

Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.

Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,

Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb’ ich gern ihm den Gesellen zu,

Der reizt und wirkt, und muß als Teufel schaffen. (338-343)

Mephisto erklärt:

Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern... (350)

Mephistopheles kann also keinesfalls als „Gegenspieler“ Gottes verstanden werden. Seine Position definiert sich in seiner Haltung gegen das Leben, nicht gegen den Schöpfer.Dahinter steht die Absicht, den Lauf der Dinge, die Veränderung, die das Leben ja ursächlich ausmacht, zu behindern, oder wenn möglich, völlig zum Erliegen zu bringen. Mephisto fordert Faust auf, stehenzubleiben „Verweile doch“ (1700), denn damit könnte der angestrebte Verfall bewirkt werden. Ruhe und Stillstand bedeuten den Tod, jedoch liegt in diesem Vergänglichen gleichzeitig der Keim für das Neue. Auf der einen Seite entsteht aus dem Tod immer wieder neues Leben (wie das Weizenkorn sterben muss, um tausendfache Frucht bringen zu können; Matthäus 13) und auf der anderen Seite reizt der „Schalk“ den Menschen ständig, sich, in Anbetracht des drohenden Niedergangs, zu widersetzen, und aufs Neue dem Leben entgegenzugehen.

Auf diese Art wird Mephisto ein „Handlanger Gottes“, der seine, dem eigenen Wesen immanente Tragik zwar erkennt, aber nicht konsequent fortführen kann:

„Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ (1335f.)   

Genau in diesen Zusammenhang fällt auch der Bezug zum Buch Hiob (Ijob). Dieser alttestamentliche Text weist sehr deutliche strukturelle Ähnlichkeiten mit Goethes Werk auf.

Es ist daher wohl anzunehmen, dass Goethe einiges direkt übernommen hat, oder sich wenigstens von dem Aufbau inspirieren ließ. Auch im Buch Hiob handelt es sich beim Satan um einen „gefallenen Engel“, der aber immer noch auf seine Art zu Gott gehört und ihm unterstellt ist: „...da kamen die Gottessöhne, um vor den Herrn hinzutreten; unter ihnen kam auch der Satan.“ (Hiob, 1,6). An diesem Satz lässt sich die fehlende Spaltung von Gut und Böse in der jüdischen Vorstellungswelt erkennen. Nicht in einem Dualismus einander gegenübergestellt treten Gott und Teufel auf, sondern als „Pole einer Einheit“.

Eine weitere, sogar im Wortlaut erkennbare, Parallele findet sich etwas später, nämlich als Gott über Hiob spricht: „Hast du auf meinen Knecht Hiob geachtet?“  (vgl. Faust: Kennst du den Faust? (...) Meinen Knecht!). Die Struktur beider Texte ähnelt sich insofern, als dass es jeweils zu einer Wette, resp. einem Abkommen zwischen Gott und Teufel kommt. In beiden Fällen betrifft es eine Person, die in ihrem Lebensumfeld alles erreicht hat, was möglich ist, das heißt konkret: Hiob ist „sagenhaft reich und überaus rechtschaffend“ und Faust verzweifelt, obwohl ihm als Universalgelehrten alles Wissen der damaligen Welt zur Verfügung steht („Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie! Durchaus studiert mit heißem Bemühn. (...) Und sehe, daß wir nichts wissen können.“ ( 354-364).

Allerdings trifft es mit Hiob eine wirklich unschuldige Person, die auch über den gesamten Text hinweg ohne „Sünde“, um den biblische Begriff zu wählen, bleibt. Anders verhält es sich bei Faust, der genau weiß, worauf er sich einlässt, als er mit dem Teufel eine Wette abschließt (...,da ließe sich ein Pakt, Und sicher wohl, mit euch, ihr Herren, schließen“ (1414f.). Faust verstrickt sich im Verlauf des Dramas mehr und mehr in Unrecht, und lässt sich ,unter der versierten Anleitung Mephistopheles’, zu immer weiteren Verbrechen hinreißen. Das Bewusstsein, Böses zu tun, fehlt dem Gelehrten anscheinend, sodass der tückische negierende Geist leichtes Spiel hat. Ganz im Gegensatz dazu ist sich Hiob immer bewusst, dass er keinerlei Sünde begangen hat, und daher zu Unrecht „bestraft“ wird. Auffällig ist, dass der Mensch (Hiob oder Faust) jeweils nur zum Spielball höherer Mächte wird, die ,in einer Art freundschaftlichen-, schon beinahe „kumpelhaften“ Atmosphäre, ihre Fähigkeiten testen.   

Abschließend lässt sich festhalten, dass Goethe in seinem Faust einen Ansatz offenbart, der einer Trennung von Gut und Böse, die möglicherweise eine gegenseitige Vernichtung zum Ziel hat, entschieden entgegentritt. Angelehnt an das streng monotheistische Gottesbild des jüdischen Kulturraumes verbindet sich Gegensätzliches in einer Einheit und lässt eine in sich ausgeglichene Polarität entstehen. In dieser coincidentia oppositorum (Vereinigung der Gegensätze) werden das Dunkle und die Finsternis als notwendiger Teil des Lichts verstanden – der Satan als Teil Gottes.

Mephistopheles: „ Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war,

                              Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar“ 


[1] Faust Der Tragödie erster Teil, Reclam 1986