Lilith
-Das Böse ist eine
Frau-
Die
Figur der schwarzen Göttin Lilith symbolisiert den zeitlosen Mythos des bösen
Weibes. Der jüdischen Legende zufolge war sie Adams erste Frau und Vorgängerin
Evas. Da sie wie Adam aus derselben Erde geschaffen wurde, verweigerte sie ihm
die sexuelle Hörigkeit. Als Adam darauf besteht, flieht Lilith aus dem Paradies
und verlässt Adam. Nachdem sich Adam bei Gott über seine Einsamkeit beklagt,
warnt dieser der patriarchalischen Überlieferung zufolge Lilith vor ihrem
bösen Tun. Doch Lilith setzt ihre Rebellion nicht nur fort, sondern sie
schwört auch jedes Kleinkind zu töten, das nicht bei Gott um Schutz anfleht.
Lilith
verkörpert also sichtlich die unabhängige, rebellische, tobende und tödliche
Frau. Sie ist die sichtbare Verkörperung der überlegenen Mutterrolle. Indem
sie kindsmörderische Akte begeht, trifft den phallischen Stolz des
Patriarchats, das die Überlegenheit der Mutter nicht ertragen kann. Es
verleugnet daher auch bewusst die lebensspendende Eigenschaft der Mutter, denn
im Gegensatz zu biologischen Tatsachen werden in der Legende Adam und Lilith
auf Kopfgeburten eines männlichen Gottes zurückgeführt. Die patriarchalische
Herrschafts - und Einflussordnung versucht so, ihren Ursprung aus dem Schoß
des Weibes zu verleugnen und den eigentlichen
Einfluss der Frau zu unterdrücken. Denn sie kränkt seit Jahrtausenden den
männlichen Narzismus , worauf womöglich ihre spätere Unterdrückung im
Patriarchat zurückzuführen ist. Lilith stellt ja nicht nur die Überlegenheit
des Mannes in Frage, sondern auch des himmlischen Gottvaters. Die starke Frau
wird daher nicht ohne Grund in den patriarchalischen Kulturen oft als zu
unterwerfende Dämonin, Kindsmörderin oder verführerische Schlange
dargestellt. Die Sage von der Lorelei legt in diesem Zusammenhang ebenfalls
nahe, dass die Existenz des Mannes nur auf der Unterwerfung der animalischen
Frau beruhen kann. Auf den Aspekt der Unterdrückung des Weiblichen wollten
auch unsere Bibelväter hinaus. So heißt es in der Schöpfungsgeschichte:
"Der Mensch mache sich die Erde untertan und er soll die Fische des Meeres
und die Vögel des Himmels beherrschen und jedes andere Lebewesen..."[1].
Dass in der zu unterwerfenden Natur die Frau einbegriffen ist, muss hier nicht
extra betont werden. Ohne Zweifel wirkt hier der Lilith-Mythos nach.
Sie
taucht im Paradies wieder auf als die
verführerische Schlange, die Eva zu einem göttlichen Titanismus verführt. Das
Eingehen Evas zeigt: Lilith existiert in der Frau und der Natur weiter als Keim
allen Bösen. Das christliche Weltbild übernimmt damit den dualistischen
Gegensatz von Mann und Frau bzw. Natur und Geist aus der jüdischen Kultur. Der
Schöpfungsauftrag Gottes verleiht dem Kampf Adams gegen die Eva eine religiöse
Legitimation. Indem der Mann das animalisch-Weibliche unterdrückt, kämpft er
für die Schöpfung des Herrn. Der göttliche Auftrag verpflichtet aber auch den
Mann, da er ihn auffordert den Kampf gegen das Weibliche in aller Radikalität
zu führen. Das Leid, das der Mann um des Sieges willen auf sich nimmt,
ignoriert das Patriarchat jedoch völlig. Die europäische Zivilisation des 20.
Jahrhunderts wird an eben jenem psychischen Leid kranken, das der Traum
Aschenbachs aus Thomas Manns Werk "Tod in Venedig" stark kritisiert.
Wir sehen also, dass der Lilith-Mythos noch bis heute an Aktualität bewahrt.
Sein
Grundklang, der Dualismus zwischen Mann und Frau, lässt sich zu Recht als eine
Jahrhunderte alte Schöpfung verstehen, die der europäischen Identität ihre
Konturen aufgeprägt hat. Der Zieltext "Gold
des Saturn" widmet sich abschließend diesen Konturen und stellt
auf einer tour d´ horizon ihre Bedeutung für das Verhältnis von Mann und Frau
dar.