Michael, Goebbels und die SS

Pressebericht zum Patronatsfest

 

29. September 1999: Fest des Erzengels Michael und letztes Patronatsfest des Ahlener Gymnasiums St. Michael in diesem Jahrtausend. Aus diesem Anlass stellt einer der beiden Literaturkurse der Jahrgangsstufe 13 erste Ergebnisse seines Jahresprojekts im Internet zur Diskussion: „Schwarze Sonne - weißer Terror: Michael und seine apokalyptischen Superhelden“.  

Seit fast 100 Jahren ist der Erzengel Michael Schutzpatron des Gymnasiums. Mehr als 1000 Jahre galt er als himmlischer Anführer in deutschen Kriegen: „Führ du das deutsche Heer ins Feld“, hieß es in einem mittelalterlichen Schlachtlied. Das Bild des Erzengels Michael war auf der Reichsfahne eingestickt. „Wo die Michaelsfahne weht, da stehen die Deutschen“, schrieb dazu jüngst ein katholischer Theologe.

„So ein Schulname verpflichtet“, heißt es auf der Startseite des Kursprojekts im Internet. Was kann damit angesichts dieser nationalen Michaelstradiion gemeint sein?  

 

Ein Link „Goebbels, Michael und der Antichrist“ gibt erste Antworten. Dass nämlich Joseph Goebbels, später Hitlers Propagandaminister, 1929 einen Roman schrieb „Michael, ein deutsches Schicksal“, fügt sich in die politische Wirkungsgeschichte des Erzengels erschreckend problemlos ein. Goebbels entwickelt in diesem Roman seine Ideen vom Kampf Michaels, des Deutschen, gegen Iwan, den russischen „Teufel“ und „Antichristen“. Nach einem apokalyptischen Endkampf folgt die erlösende Endlösung: Vernichtung des Russen Iwan, Endsieg des Deutschen Michael.  

Diese dualistische Struktur der Michaeltradition untersucht der Literaturkurs: die Verteufelung des Andern. Dafür die Augen zu öffnen, dazu verpflichtet der Schulname „St. Michael“. Als ritterlichen Kämpfer gegen den Teufelsdrachen kann jeder den Engel täglich auf dem Schulweg sehen. Im Giebel über dem Hauptportal von St. Michael ist diese biblische Szene dargestellt. Während zweier Jahrtausende christlicher Geschichte wurde in ihr ein Bild des Kampfes engelgleicher „Söhne des Lichts“ gegen teuflische „Bestien der Finsternis“ gesehen. Das als katastrophales Deutungsmuster von Konflikten zu durchschauen und multimedial mit Beispielen aus Literatur und Politik auf die Bühne zu bringen, ist das Ziel der Kursarbeit.

Eine Exkursion zur Wewelsburg bei Paderborn, die von Himmlers SS zum „Zentrum der Welt“ ausgebaut werden sollte, konfrontierte die Schüler mit einem solchen Beispiel. Das zentrale Bodenornament im Obergruppenführersaal der SS auf der Wewelsburg taucht deshalb nicht zufällig im Kurstitel auf: die „schwarze Sonne“.  Seit Jahren bestimmt es Cds und Websites der rechten Szene. So versucht der Kurs auch in Richtung wiederbelebter NS-Esoterik aufzuklären.

Die Schüler und ihr Lehrer Dietmar Hecht sind für Anregungen und Kritik dankbar. Die Projektseiten sind auf St. Michaels Schul-Website leicht zu finden:

St.Michael, dann „Aktuelles“ anklicken.